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Neulich im Bewerbungsprozess bei einem Start-up ...

Eine Klientin bewirbt sich in einem Berliner Social-Start-up auf eine Führungsposition, die schon seit Wochen in XING ausgeschrieben wird. Sie ist vom Fach, sehr versiert, ein alter Hase quasi, im wahrsten Sinne des Wortes. 
Wie heutzutage üblich geht alles sehr schnell, über die Website des Unternehmens kann sie ihre Bewerbung unkompliziert hochladen. Sie macht sich die Mühe eines Motivationsschreibens, welches sie wie gewünscht im Feld der Zeugnisse und Nachweise mithochlädt. Nur der Lebenslauf soll in einem separaten Feld upgeloadet werden. 

Schon einen Tag später bekommt sie Rückmeldung von einer Recruiterin: In einer Mail wird sie gefragt, ob sie vorhat, nach Berlin umzuziehen? Nein, hat sie nicht – und wundert sich. In der Antwortmail verweist sie auf ihr Anschreiben, in dem sie darlegt, dass sie nur Remote zu arbeiten gedenkt und warum dies ihrer Meinung nach bei diesem Job problemlos möglich sei. Darüber hinaus konkretisiert sie die Tätigkeitsfelder, die in der sehr vagen Job Description ungenannt waren, und fügt Beispiele und Referenzen aus ihrem langen Berufsleben ein. 

Flexibel – oder frech?!

Einen weiteren Tag später wird ihr wieder per Mail geantwortet und zugesichert, dass der Job tatsächlich Remote ausgeübt werden kann. Das Motivationsschreiben sei übersehen worden. Seltsamerweise erscheint am gleichen Tag noch die besagte Stellenausschreibung neu auf XING – dieses Mal mit konkreteren Aufgabenfeldern, die – Zufälle gibt's! – mit ihren genannten Beispielen sowie ihrer Initiative der Remote-Tätigkeit korrelieren. Aha, denkt die Klientin, da habe ich wohl den Zuständigen einige Denkanstösse gegeben! Und: Mit meiner Bewerbung scheinen sie wohl nicht zufrieden zu sein, denn sonst würden sie ja den Bewerberkreis nicht vor meinem ersten Gespräch bereits deutlich erweitern wollen!

Unbedarft – oder überfordert?!

Das erste ungute Gefühl stellt sich ein. Nichtsdestotrotz führt sie ein angenehmes Videointerview mit der jungen Recruiterin, die sich als sympathisch und freundlich herausstellt. Diese erklärt ihr, dass nach diesem ersten Interview, sofern ok, ein nächstes mit der Abteilungsleiterin stattfinden würde. Irritiert ist die Klientin allerdings darüber, dass die Recruiterin das Interview mit den Worten eröffnet: "Schön, dass es terminlich geklappt hat, das war ja nicht so einfach." Hmm, es gab eine Mail mit drei Terminvorschlägen, die die Klientin innerhalb von wenigen Minuten sondierte, sich für einen entschied und diesen sofort bestätigte. Was war daran schwierig? Verwechselte sie sie mit jemandem anderen? Das zweite ungute Gefühl macht sich bemerkbar.

Zwei Tage später meldet sich die Recruiterin mit einer positiven Nachricht zurück: Das erste Interview hat gefallen, das zweite könnte noch diese Woche stattfinden. Der Termin ist schnell gefunden, es bleibt spannend! Morgens um 9 Uhr das nächste Videointerview – auf Englisch. Unangekündigt zwar, aber kein Problem für die Klientin. Im Gegenteil, es macht ihr Spaß. Sie findet einen guten Draht zu der Amerikanerin, die die Stelle inne hat und die ihre Chefin werden würde, sofern sie die Stelle bekäme. 

Ehrlich währt am längsten

Tatsächlich läuft das Gespräch richtig gut und länger als gedacht. Die "Chefin" ist offen, konzentriert und sehr an der Expertise der Klientin interessiert. Sie gibt ehrlich zu, dass sie sich im ausgeschriebenen Aufgabenbereich wenig auskennt und daher eine erfahrene Fachfrau braucht. Vor allem auch um die vielen jungen KollegInnen in den bundesweiten Standorten gut anleiten zu können. "They need guidance" lautet ein wichtiger Satz von ihr. Man verabschiedet sich gutgelaunt und könnte sich eine Zusammenarbeit durchaus vorstellen. 

Wieder zwei Tage später meldet sich die Recruiterin telefonisch bei der Klientin und spricht ihr auf Band: Die Kollegin sei "begeistert" und der nächsten Runde stehe daher nichts im Wege – das Interview mit dem zuständigen CEO des Start-ups.


Kurze Zeit später also das dritte Videointerview: An einem Donnerstag um 11.00 Uhr mit dem genannten Geschäftsführer. Die Klientin weiß, dass nichts über eine gute Vorbereitung geht und recherchiert ausgiebig über den jungen Mann, der vielleicht ihr zukünftiger Chef-Chef werden könnte. Er ist jung, international – und nicht aus der Branche. Hat ein mehrsprachiges Studium absolviert, mehrere Jahre in Frankreich und Indien gearbeitet und ist nun in Berlin gelandet. Ein paar Interna sind ihr bereits aus den früheren Interviews bekannt und sie ist gespannt, was für ein Mensch, was für eine Führungspersönlichkeit sie erwartet.

Unglaublich! Respekt – ein Fremdwort

Es ist also 11.00 Uhr, 11.05 Uhr, 11.10 Uhr – und es passiert: nichts! Die Klientin überlegt bereits, ob sie bei der Recruiterin nachhaken soll, ob sich der Termin verschoben hat, doch da regt sich "Zoom" und das blasse Gesicht des jungen CEOs erscheint am Bildschirm. Er entschuldigt sich für die Verspätung und beginnt mit dem Interview. 

Die Klientin soll sich vorstellen und ihr fällt auf, dass der CEO immer wieder versucht, sein Gähnen zu unterdrücken. Sind ihre Ausführungen zu langatmig? Zu langweilig? Soll sie sich kürzer fassen? Aber nein, sie weiß ja, dass sie die Dinge gut auf den Punkt bringen kann, lebhaft erzählen kann. Als dann der CEO eines ihrer  Tätigkeitsfelder herausgreift, welches für die Stelle nur sekundär relevant ist, ist sie sich sicher, dass er ihre Bewerbung nicht gelesen hat. Kurz überflogen vielleicht, doch ganz sicher inhaltlich nicht erfasst hat. Inhaltlich scheint er überhaupt wenig Ahnung zu haben, weiß weder wie viele Standorte "seine" Firma derzeit hat noch welche Zielgruppen Sinn machen. Stattdessen lässt er sich von der Klientin eine umfangreiche, kostenlose Marketingberatung geben, deren Ergebnisse er aber anzweifelt. Er ist ja schließlich der CEO und muss es besser wissen, zeigt sein ganzes Verhalten und seine Aussagen. 

Start-up = Jung = Gut?! Leider nein!

Dieser Schnösel! Die Klientin macht den Gegencheck: Sie spricht ihn auf seinen eigenen Werdegang und seine Auslandserfahrungen an und siehe da! Plötzlich ist er quietschlebendig, voll da und erzählt ausführlich von seinen Erlebnissen. Ah ja. Geht es also um ihn selbst, dann gibt es kein Gähnen weit und breit. Oh weh ...
Sie macht den zweiten Gegencheck und spricht ihn auf die wichtigen Aussagen der "Chefin" an – keine Reaktion. Deren Erkenntnisse, Belange und Probleme scheint er entweder nicht zu kennen oder sie sind ihm schlichtweg egal. Puuh, auch das macht keinen guten Eindruck. 

Er beendet das Interview mit Erklärungen zum nächsten Schritt, sofern er diesem zustimmen sollte: Arbeitsaufgaben, die bearbeitet und dann vor Ort präsentiert werden müssten. Was ein Prozedere!

Ein paar Tage kommt die Absage. Die Klientin ist nicht traurig. Die Anzeige ist auch Wochen später noch online.

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